Der Anfang im Ende

„Die Träne quillt, die Erde hat mich wieder.“

Johann Wolfgang von Goethe

 

Kein Ende ohne neuen Anfang

Trauer ist etwas Positives – auch wenn es in vielen Köpfen (noch) anders bewertet wird. Trauer bringt uns wieder zurück ins Leben und erdet uns. Sie ist der Umgang mit dem Verlust des LebensWERTen. Mit dem Weinen reinigen wir sozusagen die entstandenen Wunden, damit sie heilen können.

Ich lasse es geschehen, ich lasse es fließen. Das bedeutet, ich lasse auch meine Vorstellungen, Erwartungen, Sehnsüchte und Ängste fließen. Mein Leben beginnt wieder zu fließen, denn ich habe den Urgrund des Lebens erreicht.

Wenn wir keine Tränen zulassen, verwehren wir uns, wieder heil zu werden und es bleibt eine Lücke zurück, die durch den Verlust entstanden ist. Wenn wir uns nicht erlauben zu trauern, dann beschränken wir uns in unserer Gefühlsbandbreite. Die Folge davon ist, dass wir auch nicht mehr viel Freude fühlen können. Denn die Intensität, mit der wir Gefühle ausleben, bezieht sich immer auf beide Seiten; so weit es nach oben ausschlägt, genauso schlägt es auch nach unten aus. Je enger der Korridor, desto weniger emotional sind wir und wir verlieren uns letztendlich selbst.

Bei der Trauer geht es nicht immer nur um den Verlust eines geliebten Menschen. Wir dürfen es zu lassen, über alltägliche Situationen traurig zu sein. Wir brauchen uns selbst nicht zu schämen, wegen „Kleinigkeiten“ Traurigkeit zu empfinden. Es geht vielmehr um die Achtsamkeit uns selbst gegenüber, dass wir das Gefühl in uns wahrnehmen, wann immer es aufkommt und uns dabei nicht bewerten. Diese Achtsamkeit gegenüber unseren Gefühlen bringt uns letztendlich näher zu uns selbst, zu einem Neubeginn unserer Beziehung zu uns selbst.

Zurück zur Natur

Es kommt auch vor, dass Personen in der Trauer stecken bleibt und dadurch in eine Depression geraten. Wir erkennen das an der „Losigkeit“: Das Leben erscheint uns wertlos. Zu Leben ist zwecklos. Es ist alles hoffnungslos. Wir fühlen uns lieblos und machtlos, kraftlos und nutzlos.

In solchen Zeiten ist es Balsam für die Seele, in die Natur zu gehen. Die Erfahrung zeigt, dass die Natur den Menschen aus der „Gefangenschaft“ befreien kann. Es geht dabei darum, die alltäglichen Dinge im Lichte der Wertschätzung zu sehen und sich vom unverwüstlichen Lebenswillen der Natur Kraft zu holen, sich inspirieren zu lassen. Denn empfinden wir Wertschätzung, verwenden wir die Hirnbahnen der Liebe und wir fühlen uns wieder erfüllter. So schaffen wir den Schritt aus unseren depressiven Gedanken hin zu Dankbarkeit und Liebe.

Sind wir wieder offen, können wir uns wieder vom Leben berühren lassen und die Beziehung zum Leben selbst wieder herstellen. Dann spüren wir das Leben.

Neuausrichtung

Die neue Offenheit gegenüber dem Leben geht Hand in Hand mit dem Gefühl, uns neu auszurichten zu wollen. Wir sind uns selbst wieder näher, überprüfen unsere Werte auf Bestand und wagen Neues. Zur Neuausrichtung können wir uns vorstellen, wir sind ein Baum und beschäftigen uns mit folgenden Fragen:

Wo sind meine Wurzeln? (Wurzeln)

Was verletzt mich? (Stamm)

Was gibt mir Schutz? (Rinde)

Was konnte sich in mir entwickeln und was nicht? (Äste)

Was bewegt mich? (Blätter)

Welche Talente habe ich und wo liegt mein Potenzial? (Triebe)

Wem dienen die Früchte meines Lebens? (Früchte)

 

Lass es fließen  – Panta rhei!

Deine Susanne

 

Text: Susanne Hummer, Bild: iStock

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